Bethlehemskirken Kopenhagen Architektur KLint Entwurf

Die dänische Hauptstadt København in linearen Straßenpanoramen

Kopenhagen wird in der Architekturdiskussion oft mit Hafenoper, Bjarke Ingels und dem Schwarzen Diamanten in Verbindung gebracht. Das ist nachvollziehbar — aber es lässt die Innenstadt aus dem Blick. Wer durch die Straßen der Indre By läuft und die Fassaden der Jahrhunderte nebeneinander sieht, bekommt ein anderes, dichteres Bild der Stadt. Genau dieses Bild lässt sich in linearen Streetline-Panoramen dokumentieren: maßstäblich, unverzerrungslos, Haus für Haus.

Historischer Kern: Von der mittelalterlichen Stadt zur Neorenaissance

Die ältesten erhaltenen Strukturen der Kopenhagener Innenstadt reichen ins späte Mittelalter zurück. Das älteste erhaltene Gebäude der Innenstadt gilt als das Helligåndshuset, erbaut im späten 13. Jahrhundert. Aus dieser frühen Baugeschichte hat sich jedoch vor allem ein Stilelement bis heute im Stadtbild erhalten: der niederländische Renaissancestil, den König Christian IV. in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Bauherr konsequent prägte. Das alte Børsen (Börsengebäude) an der Slotsholmen, um 1624 errichtet, ist das bekannteste Beispiel dieses Stils in Kopenhagen — mit den charakteristischen Schweifgiebeln, Turmdachaufsätzen und dem gedrehten Drachenschwanz-Turm. (Leider wurde es 2024 durch ein Feuer weitgehend zerstört und wird derzeit wiederaufgebaut)

Copenhagen Architecture Facades Dutch Renaissance

Den gleichen Stil zeigt das Mathias Hansen House am Amagertorv, Nummer 6, erbaut 1616: holländische Giebel, Kupferdach, Regenrinnen mit stilisierten Drachenköpfen. Es ist eines der ältesten erhaltenen Bürgerhäuser Kopenhagens und heute als Royal Copenhagen Flagship Store bekannt. Dieser Bau markiert, was die Innenstadt in den Hauptachsen noch heute kennzeichnet: das Nebeneinander von Handelsbauten verschiedener Epochen, die gemeinsam die Straßenfronten des Strøget, des Amagertorv und der angrenzenden Quartiere bilden. Ein weiteres prägendes Bauwerk dieser Ära ist der Rundetårn (Runder Turm) an der Købmagergade — 1642 unter Christian IV. als Observatoriumsturm errichtet und mit seiner charakteristischen spiralförmigen Rampe eines der markantesten Wahrzeichen der Indre By.

Klassizismus und Historismus: Das 19. Jahrhundert prägt die Innenstadt

Nach dem britischen Bombardement von 1807, das weite Teile der Altstadt zerstörte, entstand eine Reihe bedeutender Repräsentationsbauten im Stil des Klassizismus. Das Hauptgebäude der Universität Kopenhagen am Frue Plads, errichtet 1829–1836 nach Plänen von Peter Malling, ist eines der prägendsten Beispiele: eine Fassade mit sieben Giebeln in neogotischem Stil, die bewusst als Pendant zur gegenüberliegenden Vor Frue Kirke (Frauenkirche) von C. F. Hansen konzipiert wurde. Seitlich schließt das Kommunitetsbygningen aus den 1620er Jahren an, und an der Ecke zur Fiolstræde die Universitätsbibliothek von 1861 — entworfen von Johan Daniel Herholdt nach dem ersten Architekturwettbewerb Dänemarks. Bemerkenswert an Herholdts Bibliotheksbau war die Rückkehr zur Ziegelfassade, die seit dem Mittelalter in Kopenhagen unüblich geworden war.

Im späteren 19. Jahrhundert prägte der Historismus die Wohnquartiere. Am Søtorvet, dem Seeplatz am Rand der Indre By, entstanden 1873–1875 nach Plänen von Ferdinand Meldahl und den Architekten Ferdinand Vilhelm Jensen und Vilhelm Petersen symmetrisch angelegte Neorenaissance-Wohnblöcke, die noch heute die Straßenfront entlang der Nørre Søgade bestimmen.

Der Åboulevard und die expressionistische Backsteintradition

Im frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich in Kopenhagen eine eigenständige architektonische Strömung: der skandinavische Backsteinexpressionismus, der sich auf mittelalterliche Vorbilder bezog und sie in einer reduzierten, schweren Formensprache neu interpretierte. Bekanntester Vertreter ist Peder Vilhelm Jensen-Klint, Entwerfer der Grundtvigs Kirke in Bispebjerg. Am Åboulevard steht mit der Bethlehemskirken (Nr. 8 – siehe Titelbild) ein weiteres Werk dieses Architekten — fertiggestellt 1937 von seinem Sohn Kaare Klint. Das Gebäude überragt den ansonsten homogenen Boulevardzug deutlich und setzt einen markanten vertikalen Akzent in der Fassadenreihe. Direkt daneben entstanden 1936–1938 die Åhusene (Hausnummern 14 und 16), zwei Wohnblöcke nach Plänen von Ulrik Plesner.

Moderne Architektur: Kurze Erwähnung, klarer Fokus

Dass Kopenhagen heute als eine der architektonisch avanciertesten Hauptstädte Europas gilt, ist unbestritten. Das Opernhaus von Henning Larsen (2005), der Schwarze Diamant der Königlichen Bibliothek (Schmidt, Hammer & Lassen, 1999) und die Projekte des Büros Bjarke Ingels Group haben dem modernen Kopenhagen internationale Aufmerksamkeit gebracht. Diese Bauten stehen jedoch fast ausnahmslos am Hafenrand oder in neuen Stadtentwicklungsgebieten — nicht in den Straßenfronten der historischen Innenstadt, die Kopenhagens Fassadencharakter bis heute bestimmt.

Die im Text beschriebenen Straßenzüge — Amagertorv, Frue Plads, Åboulevard und Peblinge Sø — sind alle als fertiggestellte Streetlines in unserem Archiv verfügbar. Eine Übersicht aller veröffentlichten Kopenhagen-Panoramen finden Sie hier:

Fassadenvielfalt im Innenstadtkern

Was die Kopenhagener Innenstadt fotografisch besonders macht, ist die Dichte des Stilwechsels auf engem Raum. Innerhalb weniger Straßenzüge trifft niederländische Renaissance auf dänischen Klassizismus, Historismus auf Backsteinexpressionismus. Die Fassaden sind dabei nie museal eingefroren — sie zeigen Handel, Umbau, Ergänzungen und Verluste über vier Jahrhunderte hinweg. Für die Streetline-Fotografie bedeutet das: Jeder Straßenabschnitt erzählt eine andere Geschichte, und die lineare Abwicklung macht diese Geschichte lesbar.

Work in Progress

Aus unserem Archiv befinden sich derzeit zwei weitere Kopenhagen-Panoramen in Bearbeitung. Die Frontfassade des Hauptbahnhofs København Hovedbanegård an der Bernstorffsgade zeigt einen der repräsentativsten Bahnhofsbauten Skandinaviens — errichtet 1911 nach Plänen von Heinrich Wenck im nationalen Romantizismus mit Ziegelfassade und charakteristischen Türmchen. Das zweite Panorama dokumentiert einen Plattenbau an der Borgergade — ein Beispiel für den dänischen Sozialwohnungsbau der Nachkriegszeit, der im Kopenhagener Stadtbild weniger präsent ist als in anderen Hauptstädten, aber einen eigenen Fassadencharakter mitbringt. Bei Interesse an der Fertigstellung einer dieser Ansichten nehmen Sie gern Kontakt zu uns auf.

Kobenhavn Hovedbanegard Bernstorffsgade Facade Architecture Photography

København Hovedbanegård

Ausblick: Weiteres Material im Archiv

Unser Kopenhagen-Archiv umfasst eine Reihe weiterer Straßenzüge und Plätze, die bisher unbearbeitet vorliegen. Dazu zählen unter anderem Abschnitte am H. C. Andersens Boulevard, die Seitenfront des Rathauses am Rådhuspladsen, der Tivoli-Eingangsbereich an der Vesterbrogade, größere Bereiche des Strøget, die Nybrogade, Christiansborg Slot, das Børsen-Gebäude, die Strandgade, der Nyhavn, der Gammel Mont mit seinen Fachwerkfassaden sowie die Bredgade mit der Aleksandr Nevskij Kirke und die Købmagergade mit dem Rundetårn. Wir freuen uns auf Rückmeldungen und können bei konkretem Interesse einzelne Ansichten priorisieren.