Kirchgasse | Südseite an der Stiftskirche
Die Kirchgasse ist eine der zentralen Achsen der Tübinger Altstadt. Auf rund 150 Metern verbindet sie den Marktplatz mit dem Holzmarkt an der Stiftskirche, einem der Wahrzeichen der Stadt. Dabei führt die Gasse als Fußgängerzone durch eine Reihe historischer Fachwerkhäuser, die sich dicht aneinander schmiegen und der Straße ihren charakteristischen Charme verleihen. Von hier zweigt auch die Kronenstraße in einem spitzen Winkel nach Südwesten ab, was den verwinkelten Grundriss der Altstadt deutlich macht.
Architektur und Baugeschichte
Die Südseite der Kirchgasse wird von einer markanten Folge mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Bürgerhäuser geprägt. Am Eingang zum Holzmarkt liegt das gelb gefasste Haus Holzmarkt 2 mit der Hofpfisterei, das zusammen mit dem benachbarten Gebäude Kirchgasse 10 ursprünglich ein einziger Bau war. Dessen Bausubstanz reicht bis ins Jahr 1450 zurück, wobei Bauhistoriker bei einer Sanierung auch ältere, wiederverwendete Balken aus dem Jahr 1347 entdeckten. Lange Zeit war hier die traditionsreiche Drogerie Müller & Co ansässig, eine der ältesten Drogerien Deutschlands. Heute befindet sich im Erdgeschoss das Fleisch- und Wurstwaren-Geschäft „Schmälzle“.
Rechts anschließend in Richtung Marktplatz folgt Kirchgasse 8, ein Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert, das zuletzt Juwelier Seeger und die Wenke Kunsthandlung beherbergte. Gleich daneben erhebt sich der ehemalige Pfleghof, Kirchgasse 6, der um 1535 entstand. Über Jahrhunderte vielfach genutzt, war er lange Zeit Hotel Kaiser, später Eiscafé Esperia und ist seit 2014 eine Filiale des Modehauses Hallhuber. Die Nachbarhäuser Kirchgasse 4 und 2 stammen aus dem 15. und frühen 16. Jahrhundert; sie zeichnen sich durch reiches Fachwerk und steile Giebel aus und werden heute als Wohn- und Geschäftshäuser genutzt. Zwischen beiden Häusern fällt besonders ein kleiner Figurenschmuck unter dem vorspringenden Erker ins Auge.
Die Häuserzeile spiegelt in ihrer Mischung aus gotischen, frühneuzeitlichen und später veränderten Bauelementen die Baugeschichte der Altstadt wider. Sie dokumentiert die enge Verzahnung von Wohnen und Handwerk sowie die flexible Nutzung der Gebäude über Jahrhunderte hinweg. Mit der Stiftskirche am westlichen Ende der Gasse erhält das Ensemble zudem einen imposanten städtebaulichen Abschluss: Ihr Turm ragt weithin sichtbar über die Dächer und markiert den Standort auf dem Sattel zwischen Österberg und Spitzberg.